Umzug aus Deutschland nach Kasachstan - Die Funke Kunststoffe GmbH

© Funke Kunststoffe GmbH

Dass ein deutscher Mittelständler einen Standort in Deutschland schließt, um ihn in Kasachstan komplett wieder aufzubauen, ist kein alltäglicher unternehmensstrategischer Vorgang. Die Funke Kunststoffe GmbH hat genau das getan. 

Das familiengeführte Unternehmen aus Hamm in Nordrhein-Westfalen hat zwei Standbeine: Die Produktion von Entwässerungs- und Kanalrohrsystemen für den Tiefbau und die Herstellung von Fensterprofilen.

Mit den Tiefbau-Produkten ist das Unternehmen seit Jahren in Zentraleuropa verankert, hat einen guten Ruf. Funke gilt bei Abwasserrohrsystemen als „Problemlöser“, bietet Verbindungen verschiedener Rohrmaterialien und individuelle Lösungen an, in den arabischen Staaten, in Afrika, Nordamerika.

„Diesen Bereich auszubauen, um im Wettbewerb zu bleiben, schien kaum möglich“, so Peter Koch, langjähriger Bereichsleiter Profil und Prokurist bei Funke und seit 2012 Geschäftsführer der in Kasachstan gegründeten TOO Funke Kunststoffe, „Rohre, die ja größtenteils aus Luft bestehen, 4.000 Kilometer weit zu transportieren, lohnt sich nicht“. Man habe also eine andere Strategie benötigt, neue Märkte zu erschließen.

Da der Markt für Fensterprofile sich gut entwickelte, habe die Entscheidung nahe gelegen, diese Sparte auszubauen. Die Produkte seien in den vergangenen Jahren zunehmend aus Russland, dem Baltikum oder Weißrussland nachgefragt worden, während sich der westeuropäische Markt für Fensterprofile als gesättigt erwiesen ha

Mutige Entscheidung - aus Notwendigkeit

„Doch die Belieferung der Märkte im Osten von Deutschland aus wurde durch Fracht- und Zollvorschriften zunehmend unrentabel.“

2010 entschloss sich die Geschäftsführung der Funke-Gruppe deshalb dafür, komplett neue Wege zu gehen. Das bis dahin in Sendenhorst im Münsterland angesiedelte Werk für Fensterprofile wurde geschlossen. Stattdessen wollte man den Produktionsstandort komplett neu aufbauen – in Kasachstan. „Wir sind damit einfach näher an unsere Kunden herangerückt“, so Koch. 

2013 zog das gesamte Werk aus Sendenhorst in die kasachische Hauptstadt Astana um, mit 38 Lkws, die die Ausrüstungen und Anlagen quer über den Kontinent verfrachtete.

Kasachstan statt Russland

Viele Mittelständler ähnlich der Funke-Gruppe sind seit Jahren in Russland präsent und bedienen von hier aus die Märkte in den anderen GUS-Ländern. Auch Funke habe darüber nachgedacht, einen Standort in Russland zu gründen

„Doch die Würfel sind für Kasachstan gefallen, weil es in Russland fast alle westeuropäischen Hersteller von Fensterprofilen gibt – in Kasachstan dagegen sind wir die einzigen“, so Koch.

Der bereits vorhandene Kundenkreis kann bequem von Kasachstan aus beliefert werden, etwa 60 Prozent der Produktion gehen nach Russland, der Rest nach Kasachstan und Weißrussland. Die neu gegründete kasachische Tochter TOO Funke Kunststoffe hat sich in Astana angesiedelt, von hier aus seien sowohl Deutschland als auch Russland besser zu erreichen als aus Almaty, so Koch. Das Unternehmen hat ein Grundstück mit bereits vorhandenen Werkhallen um- und ausgebaut. Bis jetzt hat der deutsche Mittelständler rund zehn Millionen Euro in Kasachstan investiert.

Seit Herbst 2013 produzieren nun rund 70 Mitarbeiter Fensterprofile von 6,50 Meter Länge, laut Koch „thermisch das aktuellste, was es gibt“, aus denen die Kunden des Unternehmens dann Fenster fertigen.

Spezialisten aus Deutschland als Basis für betriebliche Ausbildung

In der Aufbauphase bis Ende des vergangenen Jahres. so Koch, seien noch 25 Mitarbeiter aus Deutschland beschäftigt gewesen, um die Qualität zu sichern, mittlerweile sind es weniger. „Noch brauchen wir diese sehr erfahrenen Mitarbeiter, die alle Kniffe der Kunststoff-Produktion kennen“, so Koch. „Kunststoff kann stündlich anders reagieren, das geht nicht per Lehrbuch. Bis ein Produktionsarbeiter eine Extrusionslinie bedienen kann, muss man fünf Jahre investieren.“

Qualifizierte Fachkräfte in Kasachstan zu finden, ist auch für die Funke-Gruppe eine Herausforderung. „Kaufmännische Mitarbeiter einzustellen, ist kein Problem“, so Koch, „aber die technischen …“. Hinzu käme die hohe Fluktuation, ehe man möglicherweise lösbare Probleme anspräche, verlasse man eher das Unternehmen, so Koch.

Auch die Qualität der Infrastruktur habe Funke anfangs Kopfzerbrechen bereitet. Nur, weil ausgesprochen gute Kontakte zum Akimat von Astana bestanden hätten – Funke habe von Anfang an den Kontakt zur kasachischen Botschaft in Deutschland gesucht und das Projekt an höchster Stelle in Astana vorgestellt, so Koch – habe man beispielsweise die stabile Stromversorgung des Werks sichern können.

Weitere Schwierigkeiten seien die Bürokratie in Kasachstan, „den Umfang der erforderlichen Dokumente für den Erhalt der Betriebsgenehmigungen kennt man als Europäer nicht“, und „das nach wie vor ernste Thema“ Arbeitsgenehmigungen für die ausländischen Arbeitnehmer.

Staatliche Unterstützung hilft bei Problemen

Dennoch betont Koch, dass man bei Funke die Entscheidung bisher nicht bereut habe. Bisher sei das Unternehmen Kasachstan erfolgreich verlaufen. „Ich weiß nicht, ob wie ein besonderer Glücksfall sind“, so Koch, „aber uns sind von kasachischer Seite sehr viele Wege geöffnet worden.“

Jetzt wolle man erst einmal schauen, wie sich der Betrieb im zweiten Jahr nach der Unternehmensgründung in Kasachstan entwickelt, „dann schaut man weiter“. Vor allem Usbekistan sei ein weiterer interessanter Markt in Zentralasien, auch nach Kirgistan bestehen bereits Kontakte, dahin habe man bereits aus Deutschland geliefert. Turkmenistan sei dagegen schwierig, da der Baumarkt von türkischen Unternehmen dominiert werde.

Vielleicht hat Peter Koch dann auch endlich Gelegenheit, Kasachstan auch persönlich etwas besser zu erkunden. „Obwohl ich schon seit rund 15 Jahren neben Russland auch in Kasachstan beruflich tätig bin, habe ich bisher kaum etwas vom Land gesehen“, sagt der gebürtige Münsterländer. Eines seiner ersten Ziele soll im Sommer der Balchaschsee sein.

aus VDW-Mitgliedermagazin Prospekt 2014-02