Geldknappheit in Turkmenistan trifft ausländische Unternehmen

Turkmenistan
01.07.18 Banken & Finanzen, Turkmenistan, Wirtschaftsdaten

(reuters, hronikatm) – Auch ausländische Unternehmen spüren zunehmend die Auswirkungen einer ernsthaften Wirtschaftskrise in Turkmenistan, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters kürzlich in einem ausführlichen Report. Der wirtschaftliche Druck führt zu Absatzproblemen und Ausfällen durch eine geringe Zahlungsmoral bei staatlichen Auftraggebern. Ursache sind in erster Linie die gesunkenen Staatseinnahmen durch des Erdgas-Export.

Offizielle Statistiken in Turkmenistan sprechen regelmäßig von stabilem Wachstum. Tatsächlich gibt es aber so gut wie keine unabhängigen Daten, die dies belegen könnten. Laut Managern internationaler Unternehmen träfe der Mangel an harter Währung die Wirtschaft, die von der öffentlichen Hand beherrscht wird.

Turkmenistan, das die weltweit viertgrößten Gasreserven hat, ist weiterhin bemüht, Verträge mit ausländischen und lokalen Unternehmen zu unterzeichnen. Viele staatliche Projekte – und Projekte der freien Wirtschaft gibt es praktisch nicht – sind ins Stocken geraten oder auf Eis gelegt. Bereits vor mehreren Monaten empfahl der Internationale Währungsfond sagte, das Land müsse seine Kosten senken oder seine Währung, den Turkmenischen Manat, abwerten.

„Der Regierung gehen die finanziellen Mittel aus, so dass sie bereits geschlossen Aufträge nicht bezahlen kann, geschweige denn, dass Mittel neue Aufträge da wären“, so Oguzhan Cakiroglu Vorstandsmitglied der türkischen Cakiroglu Group, einem Metallurgie- und Bauunternehmen, das seine Operationen in Turkmenistan bereits gestoppt hat.

Die Probleme Turkmenistans begannen im Jahr 2016, als Russland, bis dahin Hauptabnehmer von turkmenischem Gas, entschied, Gas-Importe aus Turkmenistan zu stoppen. Grund waren Streitigkeiten zwischen beiden Ländern über Preisgestaltung und Veränderungen auf dem globalen Energiemarkt.

Die Exporte nach China – Turkmenistan ist Chinas wichtigster Gas-Lieferant, China wichtigster Export-Partner Turkmenistans – konnten die Verluste durch den Abbruch der Zusammenarbeit mit Russland nicht kompensieren. Die jährlichen Exporte nach Russland in den Jahren 2016 und 2017 fielen auf rund 8,5 Mrd. USD – etwa die Hälfte des Exportumfangs in den Jahren 2000 bis 2014.  

Als Reaktion auf diese Entwicklung begann die Regierung von Präsident Gurbanguly Berdimuhamedov, die Währung schrittweise stärker zu regulieren. Devisen sollten künftig vorrangigen Prestige-Projekten vorbehalten sein.

Der Manat wertete auf dem Schwarzmarkt von sieben US-Dollar im Jahr 2016, auf 13 bis 14 USD zu Beginn dieses Jahres und auf schließlich 17 bis 18 USD Mitte 2018 ab. Der offizielle Wechselkurs liegt seit Jahren stabil bei 3,5 USD.

Lokale private Unternehmen, einschließlich Importeure von Konsumgütern, erhalten nur einen kleinen Teil der von ihnen verlangten Dollar, sagen turkmenische Unternehmer. Laut Bauunternehmer Cakiroglu hat die Regierung Schwierigkeiten mit Zahlungen an ausländische Auftragnehmer.

„Manche Unternehmen“, so Cakiroglu, „warten seit mehr als drei Jahren auf die vereinbarten Vertragszahlungen, und das verschlimmert die Probleme auf dem Markt weiter. Dollar sind kaum noch zu haben die Schwarzmarktpreise sind deshalb mittlerweile drei- bis viermal höher als der offizielle Kurs“.

Allein sein Unternehmen habe Außenstände bei der turkmenischen Regierung in Höhe von mehreren Millionen US-Dollar. „Aber wir warten auf diese Zahlungen schon seit vier, fünf Jahren. Deshalb haben wir den Betrieb in Turkmenistan vollständig eingestellt.“ Welche Gründe die Regierung für den Zahlungsausfall nennt, wollte Cakiroglu gegenüber Reuters nicht sagen.

Ein weiteres türkisches Unternehmen, Polimeks, das im Jahr 2016 für 2,3 Mrd. USD den neuen Flughafen in Aschgabat gebaut hatte, hat seine Arbeiten an der Autobahn, die die Hauptstadt mit dem Hafen in Turkmenbashi  am Kaspischen Meer verbinden sollte, eingestellt.

Polimeks lehnte Reuters gegenüber ab, die Beziehungen zu Turkmenistan zu kommentieren. Die turkmenische Regierung selbst hat den Stopp der Bauarbeiten bis heute nicht offiziell kommentiert. Das Außenministerium und die turkmenische Botschaft in Ankara beantworteten grundsätzlich keine Fragen Schulden der Regierung gegenüber ausländischen Unternehmen.

Auch das türkische Wirtschaftsministerium stellt keine Daten über ausländische Investitionen zur Verfügung. Als Risiken für ausländische Investoren allerdings gibt es auf seiner Website allerdings eine Reihe von Maßnahmen an, die bei Unstimmigkeiten mit der auftraggebenden turkmenischen Regierung eintreten können: „Steuerprüfung in Form von unangekündigten Unternehmensbesuchen“, Verweigerung von Visa und die „Enteignung von in den letzten Jahren getätigten Investitionsgütern“.

Nach Angaben des türkischen Wirtschaftsministeriums, weist Turkmenistan Zahlungen an türkische Unternehmen regelmäßig mit Verzögerung an, und die Unternehmen haben Schwierigkeiten bei Überweisungen und der Währungskonvertierung.

„Neue Lage“

Türkische Unternehmen sind die größten Gläubiger Turkmenistans, da die Türkei über viele Jahre wichtigster Importpartner des Landes war. Von 2002 bis 2016 haben türkische Unternehmen rund 1,5 Mrd. USD in die turkmenische Wirtschaft investiert. Aber auch Unternehmen anderer Länder mussten Verluste hinnehmen.

Zwei Quellen in der Regierung von Belarus haben Reuters gegenüber eingeräumt, dass Aschgabat nicht die volle Summe für den Bau eines Düngemittelwerks bezahlt habe, das im März 2017 fertig gestellt worden sei. Laut einer der beiden Quellen handele es sich um ausstehende Gelder in Höhe von 5,2 Mio. USD, die andere es sei „eine beeindruckende Menge ".

Das US-amerikanische Unternehmen DRC International, ein Lieferant und Vertreiber von technischen Komponenten für die Öl-, Gas- und Bauindustrie, hat seit 2004 eine Vertretung in Aschgabat.

„Anfangs hat sich das Geschäft für uns sehr positiv entwickelt“, so CRC-CEO Steve Crabtree gegenüber Reuters. Das größte Projekt, und eines der erfolgreichsten, sei der Bau einer Marine-Werft in Kooperation mit Hyundai Amco im Jahr 2015 gewesen.

„Aber leider liegen diese Tage weit zurück und jetzt ist die Lage eine völlig andere“, so Crabtree. „Ich habe Kosten gesenkt, die Führung ausgetauscht und ziehe weiter. Ich hoffe, dass sich die Bedingungen im Land ändern und wir zur Finanzierung von Großprojekten zurückkehren können.“

Der Geschäftsführer eines anderen westlichen Unternehmens, das Ausrüstungen für den Öl- und Gassektor liefert, wollte anonym bleiben. Sein Unternehmen habe die Filiale in Turkmenistan Ende letzten Jahres geschlossen.

Ihm zufolge konnten seine Kunden aus Turkmenistan seine Produkte aufgrund des Devisenmangels im Land nicht mehr kaufen.

Viele Turkmenen versuchen, aufgrund der Wirtschaftskrise  das Land als Arbeitsmigranten zu verlassen. Das Land der ersten Wahl sei für viele die Türkei.

Laut dem türkischen Innenministerium hat sich die Zahl der Turkmenen mit befristetem Aufenthaltstitel für die Türkei, abzüglich Studenten, im Jahr 2017 gegenüber dem Vorjahr auf 25.693 verdoppelt.

Anders als bisher üblich hat Berdimuhamedov im März 2018 die Zentralbank angewiesen, die Höhe vergünstigter Kredite für den Verband Union der Industriellen und Unternehmer von Turkmenistan um drei Milliarden US-Dollar zu erweitern. Für den Bau einer Schnellstraße und einer Düngemittelfabrik wird den Unternehmen ein Darlehen zur Verfügung gestellt. Der turkmenische Verband war für Reuters nicht erreichbar.

Die Regierung hatte zuvor ähnliche Verträge mit ausländischen Unternehmen unterzeichnet. Einige der Unternehmen arbeiten noch an solchen Projekten.

Der koreanische Industriekonzern Hyundai beispielsweise, teilte gegenüber Reuters mit, dass er weiterhin an einem Auftrag über drei Milliarden US-Dollar im Rahmen des Baus einer petrochemischen Anlage beteiligt sei. Derzeit verhandele man zudem über zwei weitere Projekte in diesem Bereich im Wert von 4,8 Mrd. USD.

Hyundai habe keine Probleme mit Zahlungen seitens Turkmenistans und betonte die „Unterstützung“, die man durch die Regierung erhalte.

Auch das französische Unternehmen Bouygues Construction teilte gegenüber Reuters mit, dass es auf dem turkmenischen Markt keine Schwierigkeiten gebe. Man habe im Februar einen neuen Vertrag über den Bau eines Konferenzzentrums, eines Hotels und zweier Bankgebäude unterzeichnet. Die Gesamtkosten wollte das Unternehmen nicht bekannt geben.

Neue Märkte

Turkmenistan, das normalerweise ein BIP-Wachstum von knapp über sechs Prozent pro Jahr verzeichnet, plant bis Ende 2019 neue Gasexportmärkte zu erschließen, und zwar durch die TAPI-Pipeline, die von Turkmenistan über Afghanistan und Pakistan nach Indien führen soll.

Gazprom lehnte es gegenüber Reuters ab, sich zu den Aussichten für die Wiederaufnahme der Importe von turkmenischem Gas zu äußern.

Jetzt versucht Turkmenistan auch, die Exporte zu diversifizieren und einen Teil des Gases in Brennstoff und chemischen Materialien vorzuverarbeiten. Im Mai wurde der neue Hafen in Turkmenbaschi an der Ostküste des Kaspischen Meeres eröffnet. Baukosten: 1,5 Mrd. USD.

Die einzigen politischen Optionen, die Probleme in den Griff zu bekommen, so Juha Kahkonen, stellvertretender Leiter der Abteilung Mittlerer Osten und Zentralasien des Internationalen Währungsfonds (IWF), seien die Abwertung des Manat und der Abbau von Staatsausgaben. „Die in besseren Zeiten angesparten Reserven werden der Regierung helfen, den Druck zu bewältigen“, so Kahkonen gegenüber Reuters, „aber es müssen ganz sicher Änderungen in der Politik vorgenommen werden.“

In den vergangenen drei Jahren hatte das Leistungsbilanzdefizit in der Zahlungsbilanz Turkmenistans nach Angaben des IWF ein zweistelliges Niveau erreicht. In diesem Jahr erwartet der IWF, dass diese Zahl von 11 Prozent des BIP im vergangen Jahr auf neun Prozent bzw. von 4,4 Mrd. USD im Jahr 2017 auf 3,8 Mrd. USD zurückgehen wird.

Hans Timmer, Chefökonom des Regionalbüros der Weltbank für Europa und Zentralasien, sagte gegenüber Reuters, dass Turkmenistans Leistungsbilanzdefizit auf lange Sicht nicht nachhaltig sei und die Währungsengpässe die Produktionskapazität des Landes verringerten.

In den letzten Jahren seien die Weltbank und die turkmenische Regierung sich „näher“ gekommen, so Timmer. Aber Aschgabat müsse eine Reihe von Schritten unternehmen, bevor die Weltbank finanzielle Unterstützung leisten könne. Im Vordergrund stünden dabei die bessere Qualität von Wirtschaftsdaten und eine höhere Transparenz.