Interview mit dem stellvertretenden Direktor des Verbandes der Bergbauunternehmen (AGMP) der Republik Kasachstan – Maxim Kononov
1. Wie schätzen Sie das Potenzial Kasachstans als Lieferant kritischer Rohstoffe für Europa in den nächsten 5–10 Jahren ein, und welche Rohstoffe könnten Ihrer Meinung nach im Hinblick auf die Zusammenarbeit zwischen Kasachstan und den europäischen Ländern von entscheidender Bedeutung sein?
Meiner Ansicht nach verfügt Kasachstan über ein beträchtliches Potenzial, sich in den nächsten fünf bis zehn Jahren zu einem der wichtigsten Lieferanten kritischer Rohstoffe für Europa zu entwickeln. Vor dem Hintergrund des Inkrafttretens des Europäischen Gesetzes zu kritischen Rohstoffen (CRMA), welches darauf abzielt, die Abhängigkeit von China zu verringern, öffnet sich für die kasachische Bergbau- und Metallindustrie ein historisches Zeitfenster. Eine wichtige Rolle wird in diesem Zusammenhang auch der Ausbau der transkaspischen internationalen Transportroute (TMTM) spielen, die Logistikwege unter Umgehung geopolitisch instabiler Regionen ermöglicht.
Zu den Schlüsselbereichen der Zusammenarbeit zwischen Kasachstan und der EU könnten Metalle für die „grüne Wende“ und hochtechnologische Rohstoffe zählen. Dies sind zum einen Lithium und Kobalt, die für die Herstellung von Akkus unverzichtbar sind, sowie seltene Metalle für die Windenergie und die Mikroelektronik. Dazu kommen Beryllium, Tantal und Niob, bei denen Kasachstan dank der Kapazitäten des Metallurgiewerks Ulbin (UMZ) einen Vorteil in Form bereits etablierter Produktionsketten hat. Darüber hinaus besteht zweifellos ein erhebliches Potenzial für den Ausbau der Produktion und Lieferung von Basismetallen – Kupfer und Nickel – ohne die eine Modernisierung der europäischen Energienetze nicht möglich ist.
Die Ausschöpfung dieses Potenzials hängt jedoch von der Fähigkeit beider Seiten ab, zwei zentrale Herausforderungen zu bewältigen. Kasachstan möchte sich von seiner Rolle als Rohstofflieferant lösen, weshalb der Transfer europäischer Technologien zur Weiterverarbeitung der Rohstoffe im eigenen Land zu einer zentralen Voraussetzung der Partnerschaft werden muss. Andererseits müssen kasachische Unternehmen ihre Produktion zügig an die strengen Umwelt- und CO₂-Standards der Europäischen Union anpassen, da der Zugang zu diesem Markt ohne „grüne“ Zertifikate entweder erheblich eingeschränkt oder gänzlich versperrt sein wird.
2. Im Jahr 2024 hat Kasachstan einen umfassenden Plan zur Förderung von seltenen Metallen und seltenen Erden verabschiedet. Welche wesentlichen Ergebnisse wurden seitdem erzielt?
Meiner Meinung nach ist es zum jetzigen Zeitpunkt noch verfrüht, die Ergebnisse der Umsetzung dieses Dokuments zu bewerten – dennoch lassen sich einige Punkte hervorheben. So hat beispielsweise die geologische Exploration seit 2024 einen erheblichen Aufschwung erfahren: damals wurde beschlossen, das gesamte Staatsgebiet der Republik Kasachstan für die geologische Exploration zu öffnen, und es wurde angekündigt, für den Zeitraum von 2026 bis 2028 rund 500 Mio. US-Dollar an staatlichen Mitteln dafür bereitzustellen. Die Entwicklungsbank Kasachstans hat außerdem ein gezieltes Finanzierungsprogramm für Projekte im Bereich der seltenen Erden und Metalle mit einem Volumen von 1 Mrd. US-Dollar bis 2030 aufgelegt. Darüber hinaus wurde ein entscheidender Schritt zur Gewinnung ausländischer Investoren unternommen, indem der Prozess zur Aufhebung der Geheimhaltung von Informationen über die bilanzierten Reserven bestimmter seltener Metalle eingeleitet worden ist. Dabei wurde diese Geheimhaltung für Lithium bereits aufgehoben.
3. Ist es in dieser Zeit gelungen, von Pilotprojekten zur industriellen Produktion überzugehen?
Als bedeutende Projekte möchte ich die Inbetriebnahme einer Gallium-Produktionslinie durch das Unternehmen ERG hervorheben. Auf der Grundlage des Vorkommens „Boguty“ in der Region Almaty wurde ein Bergbau- und Aufbereitungskomplex zur Wolframproduktion in Betrieb genommen. Außerdem wurde die Produktion von raffiniertem Antimon mit einem Volumen von 2,4 Tausend Tonnen pro Jahr aufgenommen.
Des Weiteren hat das UMZ im Rahmen des Horizon Europe-Programms einen Zuschuss erhalten, welcher die Modernisierung der Technologien und die Steigerung der Berylliumausbeute aus hochfesten Legierungen von 5 % auf 9 % im industriellen Produktionszyklus ermöglich hat.
Auch bei den Lithiumprojekten sind gewisse Fortschritte zu verzeichnen, doch bis zum Beginn der industriellen Produktion ist es dort noch ein weiter Weg.
Insgesamt bin ich der Ansicht, dass Kasachstan bewiesen hat, dass es seine Produktion schnell ausweiten kann, wenn eine entsprechende Basis vorhanden ist (wie im Fall von Wolfram, Gallium oder dem UMZ). Bei komplexeren Bereichen (Lithium, schwere seltene Erden) befindet sich die Industrie derzeit in der Phase der Beschaffung von Industrieanlagen und der Planung von Fabriken.
4. Welche Möglichkeiten bieten sich ausländischen Investoren heute im Bergbausektor Kasachstans? Inwiefern kann ihnen die AGMP RK dabei behilflich sein?
Ich gehe davon aus, dass sich heute für ausländische Investoren im Bergbausektor Kasachstans beispiellose Möglichkeiten eröffnen, die auf die umfassende Liberalisierung der Branche und die geopolitische Nachfrage nach einer Diversifizierung der Lieferketten zurückzuführen sind.
Der Staat unternimmt eine Reihe konkreter Schritte, um günstige und stabile Rahmenbedingungen für die Tätigkeit im Bergbau- und Metallsektor zu schaffen. Dies gilt insbesondere für große Investitionsprojekte. So sieht das seit dem 1. Januar 2026 in Kraft getretene Steuergesetzbuch für Projekte mit einem Wert von über 600 Mio. US-Dollar die Möglichkeit vor, bei Abschluss von Verarbeitungsvereinbarungen Steuervergünstigungen zu erhalten, darunter:
- Befreiung von der Körperschaftsteuer und der Grundsteuer für 10 Jahre sowie von der Vermögenssteuer für 8 Jahre;
- Befreiung von der Mehrwertsteuer auf Importe und von Zöllen auf eingeführte Ausrüstung.
Des Weiteren erhalten Investoren im Midstream-Segment im Rahmen von Sonderwirtschaftszonen (SWZ) eine Befreiung von der Körperschaftsteuer, der Grundsteuer und von Zöllen.
Der AGMP, der im vergangenen Jahr ihr 20-jähriges Bestehen feierte, fungiert als wichtigstes Bindeglied zwischen ausländischem Kapital, dem Staat und der lokalen Wirtschaft und übernimmt dabei die Rolle eines strategischen Vermittlers. Der Verband beteiligt sich direkt an der Reform des Steuer- und Umweltgesetzbuchs etc. und leitet die Anliegen der Investoren an die Regierung und das Parlament weiter. Gleichzeitig unterstützt der AGMP große Akteure dabei, zuverlässige lokale Partner, Lizenzinhaber und Juniorunternehmen für Joint Ventures zu finden, stellt Investoren fundierte Marktanalysen zur Verfügung und erläutert die Besonderheiten der lokalen Gesetzgebung. Dabei fungiert der Verband als etablierte Netzwerkplattform und schafft dabei die Voraussetzungen für den direkten Kontakt zu den wichtigsten Entscheidungsträgern in der Bergbau- und Metallindustrie Kasachstans.